Gedanken über das Dürener Kulturbild - von Murat Baltic
Die kulturellen Ereignisse in Düren sind nur ein Teil des kulturellen Trends in Deutschland, ja man kann sagen, um eine Stufe niedriger, denn Düren ist, weil es sich nahe bei zwei großen Städten befindet, selbst kulturelle Provinz. Das, was für Deutschland, also auch für Düren, charakteristisch ist, ist die Haltung, dass „nur das gut ist, was Geld und Profit einträgt.“ Und dies gilt gänzlich auch als Kriterium in der Kultur.
Damit ist es aber in Wirklichkeit zum Verlust von Kriterien gekommen, und an die Oberfläche traten oberflächliche Werte, was dazu führte, dass sich eine sogenannte Kultur der Massen oder des Schunds und des Kitsches zeigte. Alles wird auf die weitweit bekannte Parole „Dem Volk Wein und Spiele“ zurückgeführt, war zu einem Defizit an neuen, wertwollen Werken in der Kultur in allen ihren Bereichen geführt hat. So ist es in der Musik, wo billige Nacktheit und allzu starke, stumpfe Bass-Schläge vorherrschen, die von überall her ertönen, die Ohren zerreißen und das Gehör schädigen.
Wahrlich, dazu passen gut Alkopops, von denen sich wenigstens die Hälfte der Jugend nach der Kulturveranstaltung übergibt. Einige werden auch ins Krankenhaus gefahren. Den etwas Maßvolleren ist die Welt rosa und froh wegen der etwas weniger eingeschütteten Promille. In der Literatur sind Romane der Marke „Lies, wirf weg und vergiss es“, und die Wochenblätter und die Buchhändler leisten sich einen Wettstreit darum, wer den Bestseller der Woche, den Bestseller des Monats, den Bestseller der Bestseller verkündet. Auf dem Gebiet des Films sind – außer wieder der billigen Nacktheit – Gewalt, Brutalität und Blut im Trend. Je mehr Blut, je größer das Loch im Körper des Feindes, desto besser der Film. Es gibt natürlich auch die unumgänglichen und vielfolgigen Soaps im staatlichen Fernsehen, in denen für alle nur Milch und Honig fließen, alles ein verlogener Schein, der mit der Wirklichkeit nichts gemeinsam hat. Während er sie schaut, fragt sich der Mensch, in welchem Land das spielt, vielleicht im Schlaraffenland. Nicht selten sterben die Hauptakteure auch, aber die Saop geht trotzdem weiter.
Das alles läuft auch im kulturellen Alltag Dürens, natürlich noch etwas grauer, man kann sagen gefärbt in den süßlichen Ton der Provinz. Wenn wir die Hauptorte der Dürener Kulturbühne betrachten, kann sie jeder an den Fingern abzählen: Haus der Stadt, Stadtbücherei, Schloss Burgau, Komm, Leopold-Hoesch-Museum und noch einige Orte, an denen sich etwas angeblich Kulturelles ereignet, auf dass sie sich in die Kulturarbeiter einreihen. Im Haus der Stadt werden die meisten Kulturmanifestationen abgehalten, aber diese werden von Jahr zu Jahr mehr und mehr zu Massenveranstaltungen, so genannte Galas oder es sind Vorstellungen, eingeführt aus den Transitionsländern von zweifelhaftem Wert. Jahrelang wurde den Bürgern auf Schloss Burgau Nebel in Form von halbstündigen Vorstellungen von „Hamlet“ und „Macbeth“ verkauft, deren Haupt und Nebenrollen mit Schülern besetzt wurden. Die Stadtbibliothek nimmt ihre Rolle zur Hebung des Interesses der Bürgerschaft und der Liebe zu den Büchern durch jährlich zwei Literaturabende wahr.
Am dürftigsten führt der Buchhandel seine kulturelle Mission durch: Nachdem noch alteingesessene Buchhandlungen wie „BaM“ oder „Decker“ ihre Geschäfte schon schließen mussten, blieben nur noch die in ganz Deutschland bekannten „Mayrische“ und „Talia“ übrig, die am meisten mit Massenliteratur handeln. Nicht einer von ihnen kommt es in Düren in den Sinn, in ihren durchaus großen Räumlichkeiten einen literarischen Abend abzuhalten.)
Durch Qualität und Sinn für Avantgarde hebt sich das KOMM etwas ab, aber wegen der Beschränktheit des Raumes werden seine Veranstaltungen ungenügend besucht und den Bürgern unzureichend präsentiert. In die Düren-Arena gehen nur die Kommerziellen, das so genannte Gala-Programm, und sie braucht man auch gar nicht erst unter die Orte mit kultureller Ausrichtung zu rechnen.
Hier kann ich auch eigene Erfahrungen einbringen. Obwohl Schriftsteller mit einigen Büchern in deutscher Sprache, Mitglied des Bundes deutscher Schriftsteller und Gewinner von hochgeschätzten Literaturstipendien, fand sich in Düren während meines 10-jährigen Lebens hier außer einmal im KOMM keine Möglichkeit für eine Lesung. In zwei Anläufen habe ich mich an die Direktorin der Stadtbibliothek mit dem Vorschlag eines Literaturabends gewendet, zweimal wurde es mir versprochen, zweimal wurde es vergessen, natürlich mit einem erlernten, bürokratischen Lächeln. In Aachen, München, Köln und anderen Städten war es zum Glück nicht so.
Es war nicht mein Ziel, jemanden besonders zu kritisieren, sondern ich habe die Absicht, etwas zum allgemeinen Anreiz der Kultur in der Stadt beizutragen, in der ich mit meiner Familie lebe. Wegen uns allen, aber auch wegen einer besseren Zukunft in dieser Stadt für meine Kinder und die ganze übrige Jugend. Es kann sein, dass die momentane Wirtschaftskrise wirkliche Lebens- und auch Kulturwerte wieder nach vorne bringt und dass die politischen Parteien in ihren Programmen Platz finden für wahrhaft kulturelle Werte, und dass die Regierenden Orte und Weisen finden, damit sich das kulturelle Leben in Düren auf ein würdiges Niveau anhebt - würdig sowohl eines modernen Menschen des 21. Jahrhunderts als auch Deutschlands und seines Rufs.



